Stehenbleiben, Tanzen!
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(© www.mahatatcollective.com)
Acht Frauen stehen auf einer Rolltreppe, die zum Gleis der Metrostation St-Theresia in Shubra führt. Sie stehen hintereinander, beachten sich kaum. Doch dann erreicht die erste das Ende der Rolltreppe, und anstatt wie alle anderen Passanten von dort zum Bahnsteig weiterzugehen, presst sie sich gegen die Wand und beginnt sich an ihr entlang zu winden. Die Frau hinter ihr tut es ihr gleich, und auch die folgenden sechs. Sie räkeln, rollen und schieben sich an der Wand entlang, bis sie am Ende der Wand und am Beginn des Bahnsteigs angekommen sind. Dort verharren die Frauen, eng an die Wand gepresst, ohne jegliche Bewegung. In der Zwischenzeit ist eine Metro eingefahren, Menschen steigen aus, einige schauen verwundert aber gehen weiter, andere bleiben stehen, lachen. Ein älterer Mann bleibt besonders lange stehen. Den Kopf leicht schief gelegt und mit gerunzelter Stirn schaut er auf dieses Knäuel Frauen, die sich an der Wand winden. Sein Blick scheint zu sagen: Was tun sie da bloß, was soll das sein? Dann reißt ihn das Tröten der U-Bahn aus seinen Gedanken. Der Fahrer bläst das Horn mehrmals, auch er hat die Frauen entdeckt und scheint Spaß an der Vorstellung zu finden.
Die acht Frauen sind Teil des „Stop and Dance“-Projekts, eines inter-kulturellen Tanzprojekts dessen Ziel es ist, Tanz in den öffentlichen Raum zu bringen. An drei Wochenenden von Ende März bis Mitte April fanden Vorführungen in verschiedenen Metro-Stationen in Kairo statt. Organisiert wurde das Projekt von „Mahatat“, einer multi-kulturellen Kunstinitiative, die im vergangenen Jahr von vier Initiatoren gegründet wurde. Ihr Ziel ist es, Kunst in den öffentlichen Raum und damit zu den Menschen zu bringen. Deshalb stehen auch alle Projekte in diesem Jahr unter dem Titel „Shaware3na“, „unsere Straßen“. Gesponsert wird „Shaware3na“ hauptsächlich vom „Danish Egyptian Dialogue Institute“. Zu den weiteren Sponsoren gehört auch die Deutsche Botschaft, die den Workshop des „Stop and Dance“-Projekts unterstützt hat.
Drei Choreografinnen – Karima Mansour (Ägypten), Paulina Almeida (Portugal) und Birgitt Bodingbauer (Deutschland) – haben in einem zweiwöchigen Workshop die acht Tänzerinnen, die meisten von ihnen Laien, auf die Vorführungen vorbereitet. Die Vorführungen beginnen flashmob-artig, spontan und ohne jede Ankündigung. Aus Passanten wird von einer Sekunde zur nächsten eine Tanzgruppe. „Wir arbeiten mit Bewegungen, die wir auch jeden Tag in der Metro sehen. Die Vorführung funktioniert in einer ganz subtilen Art“, sagt Birgitt Bodingbauer. Auch die Station selber fungiert als Element der Dramaturgie. „Jede Station ist anders, und das ändert auch die Elemente die wir benutzen“, erklärt Paulina Almeida. Die Vorführungen sind für den öffentlichen Raum konzipiert und könnten so nicht auf die Bühne gebracht werden. Vor allem spielt Improvisation eine große Rolle, die Tänzerinnen müssen schnell auf unvorhergesehene Umstände reagieren.
„Wir haben alles erlebt“, sagt Mayada Said, eine der Initiatoren von Mahatat und Projektmanagerin von „Stop and Dance“. Mal wollte das Sicherheitspersonal einer Station die Tänzer sofort loswerden und die Aufführung unterbinden, mal kam ein Sicherheitsbeamter und drückte Mayada Said eine CD von sich in die Hand. Selber Hobbysänger war er so begeistert von der Aufführung, dass er auf eine Möglichkeit hoffte, mitzumachen.
Aber nicht nur für die Passanten ist es ungewöhnlich, Tanz an einem Ort zu erleben, an dem sonst nur hektischer Alltag herrscht. Auch die Tänzer hatten großen Respekt vor dieser Aufgabe. „Ich hatte wirklich Todesängste“, erzählt Amany Atef. Die 22-jährige Studentin konnte sich schwer vorstellen, dass die Ägypter das Konzept der Flashmob-Vorführungen verstehen würden. „Beim ersten Mal hatte ich schreckliche Angst vor den Reaktionen, aber die meisten Passanten waren sehr nett, haben gelacht und geklatscht.“ Mram Ahmed ging es ähnlich. „Aber die Energie der Gruppe hat es einfacher gemacht, wir sind ja nie alleine.“
Egal welche Reaktion „Stop and Dance“ bei den Passanten hervorgerufen hat, eines haben die Tänzer auf jeden Fall erreicht: mit ihrer Kunst für einen Moment den Alltag der Menschen zu durchbrechen.
Textquelle:Amira El AhlJornalistin/Foreign Correspondent Near and Middle East